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Old Town

Gestern waren wir zunächst beim Fabrics Market und haben 3 Blusen und zwei Mäntel bestellt. Von da aus plante ich, Leona das Panorama Shanghais zu präsentieren. Der Fabrics Market befindet sich an der Nanpu-Bridge, südlich der eigentlichen Promenade, so dass wir einfach nach Norden losgelaufen sind. China hat Shanghai vor wenigen Jahren eine neue Altstadt verpasst. Das bedeutet, dass sie die alten kleinen Häuschen, die um einen berühmten Garten (den Yu-Garden) herum standen abrissen und stattdessen eine Art Disney-Version des alten Chinas dorthingestellt haben. Diese Altstadt ist viel praktischer als das ursprüngliche Old Town. Sie ist sauber, bietet Platz für Tausende Touristen und ebensoviele Geschäfte. Südlich davon gibt es allerdings noch Gegenden mit den ursprünglichen kleinen Häusern. Teile davon sind touristisch erschlossen oder wenigstens halbwegs saniert, diese Teile waren mir bekannt, noch weiter südlich herrscht allerdings noch bittere Armut in die Gassen. Dort schleppte ich Leona jetzt also durch. Man darf das nicht falsch verstehen. China ist generell ein sehr sicheres Land, es gab keinen Grund, besorgt zu sein. Aber umso mehr Gründe, bedrückt zu sein. Die Häuser (allesamt bestehend aus Erdgeschoss und einem sehr niedrigen zweiten Stock) verfallen. Es ist überall schmutzig. Dazwischen bieten die Menschen ihre Waren an. Einige wenige Hühner, einige wenige Gurken, einige wenige Schuhe, oder was auch immer sie in ihrem Garten oder in ihren kleinen Werkstätten produzieren konnten. Teilweise ist es auch ganz einfach Ramsch. Autos sieht man hier keine. Nur Roller und Räder. Und es ist einer der wenigen Orte in Shanghai, an dem Ausländer wirkliche Aufmerksamkeit erregen.

Direkt hinter diesem Stadtteil stehen dann neue Wohnblocks mit 40 Stockwerken und luxuriösem Eingangsbereich. Das ehemalige Industriegebiet um die Ecke gleicht der Hafencity Hamburgs und 10 Minuten später saßen wir in einer Sky-Bar im 36. Stock eines Hotels mit Blick auf 3 der 10 höchsten Gebäude der Welt (und einer Baustelle, die bereits 2 dieser Gebäude überflügelt hat und auch das höchste Gebäude
Shanghais hinter sich lassen wir) und tranken Cocktails, die eigentlich viel zu teuer waren - Nicht für chinesische Verhältnisse, sondern für deutsche.

Die Gegensätze Chinas haben sich auch mir selten so eindrucksvoll gezeigt, wie in diesen wenigen Minuten.
12.11.12 07:52


Flughafenfahrt

Gestern ist Leona in Shanghai gelandet. Juchu! Natürlich habe ich sie vom Flughafen abgeholt. Um 07:30 Uhr stieg ich also am Sonntag in die U-Bahn. Ohne Umsteigen führt die Linie 2, mit der ich fahre, direkt zum Flughafen. Die Metro-Stationen in Shanghai sind auch relativ weit auseinander, so dass man schnell voran kommt. Die Fahrtzeit beträgt trotzdem: 1,5 Stunden! Und das Sonntagmorgens. Nachmittags (wenn viele Personen ein- und aussteigen), dauert es sogar noch länger. Am Flughafen angekommen bin ich natürlich viel zu früh. Also konnte ich mir das Treiben am Flughafen ein Wenig ansehen. Ich hatte das Glück, die Ankunft eines chinesischen Stars erleben zu dürfen. Dutzende junge Frauen und diverse Kameraleute warteten vor dem Ausgang des Gepäckbereichs. Es wurde dann ordentlich geschrien und gebrüllt, als der Star durch die Tür trat. Und er war: Mir völlig unbekannt. Nicht einmal ein vages Wiedererkennen war möglich.
Für mich wesentlich wichtiger trat ca. 30 Minuten später auch Leona durch die Tür. Das war natürlich phänomenal. Für die Rückfahrt hatte ich mich für den Maglev, die einzige kommerzielle Magnetschwebebahn der Welt entschieden. Für 5 Euro ist man dabei, und wie! Die Fahrt dauert zwar nur 8 Minuten, aber auf dieser kurzen Strecke fuhr der Maglev auch schneller als 400 km/h. Danach mussten wir zwar immer noch 20 Minuten Metro fahren, doch war dieser kleine Blick in eine potenzielle Zukunft durchaus eindrucksvoll.
Richtig gestellt wurde dieser Blick dann durch einen Wanderarbeiter, der ohne Schuhe in der U-Bahn fuhr. Und schon merkte man wieder, dass China eben auch Entwicklungsland ist.
12.11.12 07:51


Suzhou

Suzhou wird als Venedig Chinas beschrieben. Es ist berühmt für seine alte Bausubstanz, die vielen Kanäle und seine Gärten. Dafür quälten wir uns um 07:00 am Sonntag aus dem Bett, um uns zum Bahnhof zu begeben. Dabei konnte bereits die Fahrt zum Bahnhof die erste Chinaerfahrung bieten. Die Metro in Shanghai ist nämlich Sonntags um 07:40 Uhr - wer hätte es gedacht - ziemlich voll. Es war zwar nicht wie in der Rush-hour, aber obwohl die Metro alle 5 Minuten fährt, waren doch alle Sitzplätze besetzt und die Mehrzahl der Fahrgäste musste stehen. Am Bahnhof angekommen gestaltete sich der Einkauf der Fahrkarte nach Suzhou am englischsprachigen Schalter als sehr einfach. Allerdings muss man als Ausländer seinen Reisepass vorlegen, der registriert wird. 20 Minuten danach saßen wir im Zug nach Suzhou. Es war ein G-Train. Was ist ein G-Train? Es ist der chinesische ICE. Für die ca. 90km lange Strecke benötigt er ca. eine halbe Stunde. Dabei fährt man bis zu 300 km/h und zahlt trotzdem nur 5 Euro. Ich war schwer begeistert.

Schön an einem derartigen Ausflug ist natürlich auch, mal aus der Stadt rauszukommen. Schon vorher freute ich mich auf die Landschaft und die Umgebung. Da hätte ich mich wohl einmal informieren sollen: Zwischen Shanghai und Suzhou gibt es viele Kanäle, Industriegebiete, Wohnblöcke und Baustellen - Natur aber nicht. Suzhou selbst hat mittlerweile 10 Millionen Einwohner. Das habe ich soeben recherchiert. Klar war mir das vorher nicht. Die Hochhaustürme und Wohnblöcke bei der Einfahrt passten also nicht ganz zu meiner Vorstellung von Venedig...

Als Suzhou im Bahnhof dann angesagt wurde, stiegen wir aus dem Zug aus. Außer Konstantin war noch mein englischer Freund Jim dabei. Tja, schwerer Fehler. Wir waren leider am Bahnhof im Industriegebiet gelandet. Hier war nur ein Ausstieg, aber kein Zustieg möglich. Nach längerer Diskussion und Hilfe von einem Bahnangestellten setzten wir uns also ins Taxi und fuhren zum Hauptbahnhof. Dort viel uns wohl-organisierten dann ein, dass wir auch ein Ticket für die Rückfahrt benötigten. Also auf zum Ticket-Counter - dieses Mal ohne englische Version. Glücklicherweise hat sich auch hier ein wichtiger China-Trick bewährt: Wenn man jemanden sucht, der Englisch spricht, sollte man immer zu den jungen Frauen gehen. Eine solche befand sich an dem von uns gewählten Schalter und konnte uns dann auch tatsächlich verstehen, so dass nunmehr auch die Rückfahrt gewährleistet war. Dann begann das eigentliche Sightseeing. Wir besuchten drei Gärten (inklusive eines buddhistischen Tempels), das Seidenmuseum und sahen auch Teile der Altstadt und Kanäle. Zu großen Teilen wurden die Kanäle mittlerweile allerdings zugeschüttet und die alten Gebäude abgerissen. Im Vergleich zu Shanghai existiert aber trotzdem noch wesentlich mehr alte Bausubstanz und wir hatten einen schönen Aufenthalt. Auch das Essen war spannend. Sowohl Jim und Konstantin als auch ich entschieden uns durch Zeigen auf die spannendsten Dinge in den Garküchen für diverse Gerichte, von denen wir jetzt immer noch nicht wissen, was es war. Trotzdem war alles sehr lecker, so dass wir durchaus begeistert waren. Jim und ich mischten aus Versehen Nachtisch und Hauptgericht. Aber wir entschieden uns, große Souveränität auszustrahlen, indem wir einfach entschieden weiteraßen. Glücklicherweise handelte es sich auch um kleine Bällchen, so dass wir fortan die süßen Bällchen mieden und sie erst am Ende verschlangen.

Insgesamt hatten wir einen wirklich schönen Aufenthalt und kamen schließlich abends um 22:15 müde aber fröhlich gestimmt in meiner Wohnung in Shanghai wieder an.
23.10.12 07:33


Besuch

Dieses Wochenende ist Konstantin, mein Hamburger Mitbewohner, in Shanghai angekommen. Er landete Freitagnacht, Samstag haben wir ihn dann als bei mir wohnend bei der Polizei registriert und sind dann zum Fabrics Market. Ich habe zwei Anzuege abgeholt (ich bin positiv ueberrascht) und Konstantin und Christian, mein Kollege, haben 3 bzw. 1 Anzug bestellt. My Taylor is rich… Dann hat Konstantin das erste Mal Bekanntschaft mit der grossartigen Streetfood gemacht und wir haben noch Shanghai unsicher gemacht (Hochhaeuser gucken). Highlight des Wochenendes war aber unser Ausflug nach Suzhou, von dem ich in einem separaten Eintrag berichten werde.
23.10.12 07:27


Heimatliche Bräuche

Gestern haben wir Deutschen entschieden, besonders deutsch zu sein. Und wo kann der Deutsche in den Augen der Welt am deutschesten sein? Auf dem Oktoberfest! Glücklicherweise gibt es in Shanghai gleich mehrere Oktoberfeste, die sich zeitlich nur lose am Münchener Oktoberfest orientieren. Also haben wir einen Tisch im örtlichen Paulaner Brauhaus (ja, das gibt es in Shanghai) gebucht und sind mit einer Truppe von 10 Personen (7 Deutsche, 2 Franzosen, eine Engländerin) um 18:00 Uhr dort eingefallen. Außer uns gab es noch zwei andere Tische mit Europäern. Also ca. 90 Prozent der Besucher waren Chinesen.

Schon die vorweg servierten Kleinigkeiten, nämlich grobe Leberwurst, Schmalz und Butter zusammen mit einem extrem leckeren Graubrot, bewiesen, dass das chinesische Essen zwar lecker ist, wir aber augenscheinlich die heimische Küche durchaus vermissen. In kürzester Zeit hatten wir alles verputzt. Dazu gab es natürlich die ersten Biere. Nach dem tatsächlichen Menü (gebratene Ente, auch sehr lecker), verbunden mit weiteren Bieren, marschierte die Band mit viel ufftata und Marschmusik ein.

Leider saßen die meisten Chinesen eher still und brav an ihren Tischen. Schon bei der Bestellung des Tisches hatte der Organisator zu uns gesagt: „Die Deutschen versuche ich immer ins Brauhaus selbst zu setzen – wegen der Stimmung.“ Nun, ich denke, er wird seine Entscheidung nicht bereut haben. Nach den ersten drei Prosits stand unser Tisch schon geschlossen auf den Bierbänken und eine halbe Stunde später hatten wir die Chinesen auch so weit. Gefühlt jeder einzelne wollte mit uns anstoßen und wir sind nunmehr Gegenstand geschätzter 50 chinesischer Internetvideos.

Die Völkerverständigung hat allerdings auch ihre Nachteile. Chinesen neigen im Überschwang beim Anstoßen nämlich häufig dazu, ein schwunghaftes „Gambei“ rauszubrüllen. Das Kommando, nach dem, was auch immer im eigenen Glas ist, gestürzt werden muss. Wie man bei den ausgeschenkten halben Maß auf diese Idee kommen kann, ist mir rätselhaft. Das schwunghafte Trinken ist umso rätselhafter, als dass ca. 56% aller Chinesen ein Enzym für den Alkoholabbau fehlt. Auf jeder Feier oder in jeder Bar bzw. jedem Club  kann man daher bereits in den ersten Stunden auf dem Boden liegende Chinesen beobachten.

Wir sind davon aber ja nicht betroffen, so dass wir mit den Chinesen fröhlich schunkeln, in Polonaise marschieren und lauthals singen konnten. Natürlich konnten sie die Texte nicht. Aber nachdem sie anhand unseres Tisches erkannt hatten, dass man beim Oktoberfest ordentlich Krach machen darf (Krach machen ist meiner Ansicht nach der liebste Zeitvertreib aller Chinesen), hinderte sie die Sprachbarriere nicht mehr. Sie haben auch fröhlich mit Lassos geworfen und sämtliche Albernheiten kopiert. Kopieren können sie ja ohnehin gut. Oktoberfest in Shanghai, ich kann es glatt empfehlen. Das Aufstehen am Morgen danach übrigens nicht.

18.10.12 09:15


Heiratsmarkt


Chinas Eltern fangen an, sich um das Ausbleiben von Enkelkindern (naja, wenigstens in der Stadt eher "eines Enkelkindes" zu sorgen, wenn die Kinder die Zwanzig überschreiten. Wenn Frauen dann auch noch den 25. Geburtstag ohne eigene Kinder feiern oder Mäner ungefähr den 30. Geburtstag bleibt es in China nicht zwangsläufig bei dezenten Hinweisen oder offenem Drängen zur lebenslangen Bindung. Resolute Eltern setzen sich dann am Wochenende in Shanghai auf den Heiratsmarkt am Volksplatz. Dort präsentiert man den eigenen Sprössling zwecks Verheiratung. Dieser ist natürlich nicht persönlich anwesend. Es genügt ein Steckbrief, mit Alter, Gewicht, Einkommen und Beruf. Fotos sind Nebensache. Über diesen Platz, auf dem sich hunderte Menschen versammeln, kann man dann schlendern und wahrscheinlich Kandidaten für die eigenen Kinder suchen. Als Tourist schlendert man natürlich darüber und amüsiert sich köstlich. Nach innen. Mit todernstem Gesicht. Fotos dazu kann ich in der Heimat nachreichen.

17.10.12 08:43


Huangshan (Gelber Berg)

Diese Wochenende habe ich den Huang Shan, einen berühmtesten chinesischen Berge bestiegen. Er zeichnet sich durch eine sehr zerklüftete, spitze Berglandschaft aus. Auf den Gipfeln krallt sich die Huangshan-Kiefer fest. Es ist eine sehr eindrucksvolle Landschaft, die sich daher auch auf vielen Schattenschnitten in chinesischen Restaurants findet. Sie soll auch James Cameron zu der im Film „Avatar“ geschaffenen Phantasiewelt inspiriert haben.

Also stiegen wir Freitagabend um 21:24 in den Nachtzug nach Tunxi, der größeren Stadt in der Nähe des Berges. 12 Stunden Zugfahrt lagen vor uns. Das chinesische Zugsystem ist insgesamt sehr gut durchorganisiert und auch sehr pünktlich. Ähnlich wie bei Flügen in Deutschland wird man erst an das jeweilige Gate bestellt, an dem man dann auf die Abfahrtszeit des Zuges wartet. Dann wird der Zug aufgerufen und man begibt sich in den Zug. Es gibt vier Kategorien in den Nachtzügen: Soft-Sleeper, die höchste Kategorie, dort gibt es richtige Matrazen auf den Betten und abgeschlossene Kabinen für jeweils vier Betten. Hard-Sleeper, nur sehr dünne Beläge, Verschläge von jeweils 6 Betten, die zum Gang hin offen sind sowie soft- und hard-seats. Also Sitze mit oder ohne Polster.

Glücklicherweise hatte ich einen Platz im Hard-Sleeper Liegeabteil ergattert, um den herum sich 5 der Mitreisenden Deutschen gruppierten. Es sind jeweils drei Betten übereinander, demnach muss man klettern, um das eigene zu erreichen. Das Bett war bereits bezogen und ich derart müde, dass ich sehr schnell einschlief. Interessanterweise lag der gesamte Waggon um halb zehn schon ruhig in den Betten. Die Schaffner gehen nach der Abfahrt des Zuges herum und sammeln die Tickets aller Fahrgäste ein. Dafür erhält man dann einen Chip für den eigenen Platz. Am Ende der Fahrt erhält man sein Ticket zurück und muss den Chip abgeben. So kann der Schaffner sichergehen, dass tatsächlich alle Mitfahrer ein Ticket haben. Einer der Mitreisenden hatte auf dem Weg vom Einstieg zum Bett schon sein Ticket verlegt. Er konnte dem Schaffner also sein Ticket nicht zeigen. Das war im Prinzip ein Problem, dank eines weiteren Freundes, der chinesisch spricht und vor allem die chinesische Kultur schon ganz gut verstanden hat, aber kein großes. Schnell bot er dem Schaffner eines der Biere, die die Jungs als Wegzehrung mitführten an. Der Schaffner fing an zu strahlen, wählte seine Lieblingssorte aus und zog ohne Ticket, dafür mit Bier, weiter.

Nach einer, meiner Ansicht nach, sehr komfortablen Zugfahrt kamen wir am nächsten Morgen pünktlich um 09:00 Uhr in Tuxin. Dort stießen wie Raubvögel die Taxifahrer auf uns nieder, die uns zu der ca. 1,5 Stunden entfernten Stadt Tangkou fahren wollten. Nachdem ich aus Spaß ein wenig verhandelt hatte, stieg unsere 9-köpfige Truppe dann aber lieber in einen Kleinbus. Der Busfahrer erwies sich als chinesischer Sebastian Vettel, der auch für chinesische Verhältnisse interessante Fahrkünste bewies. Er wäre in Bolivien ganz gut aufgehoben gewiesen. Er hupte ununterbrochen. Gar derart viel, dass Simon vermutete, die Bremse sei vielleicht automatisch mit der Hupe verbunden. Dann überholte er konsequent an jeder möglichen und unmöglichen Stelle jegliches Gefährt. Es war das erste Mal, dass ich in einem Bus fuhr, der auf einer langen Strecke niemals selbst überholt wurde. Um die Fahrkünste noch beeindruckender (wobei der Eindruck durchaus negativ war) zu machen, rauchte und telefonierte er beim Fahren. Zwischendruch gleichzeitig. Trotzdem war die Strecke schön. Anhui, die Provinz, durch die wir fuhren, ist gebirgig und auf den Hängen gibt es sehr große Teeplantagen zwischen denen Bambuswälder im Wind rauschen.

In Tangkou angekommen hielt der Bus in einer kleinen Gasse und ein Chinese stieg ein und fragte, ob wir Rückfahrtickets nach Shanghai benötigten. Tatsächlich taten wir das und kamen zunächst ins Verhandeln. Glücklicherweise hatte ich im Internet aber schon vorher gelesen, dass in Tangkou ein wenig zuverlässiger Zeitgenosse namens Chen unterwegs ist, der dort regelmäßig wenig seriöse und vor allem wenig zuverlässige Handel mit Touristen (chinesischen wie ausländischen) abschließt. Also fragte ich ihn, ob er zufällig Chen sei. Strahlend – ob seiner Berühmtheit – nickte er. Wir wiederum lehnten genauso strahlend danach alle seine Angebote ab. Interessanterweise schien der Bus nur gehalten zu haben, um uns Tickets zu verkaufen. Denn dann fuhr er wieder los, zu 200m entfernten offiziellen Busstation, die wir zuvor bereits passiert hatten. Eine weitere Anekdote für das Kapitel „Kleine Betrügereien“.

An der offiziellen Busstation konnten wir dann Tickets für eine weitere Busfahrt zum Eingang des Nationalparks kaufen. Nach kurzem Frühstück, Kauf von Verpflegung, einer weiteren mörderischen Busfahrt und dem Kauf der Tickets für den Nationalpark standen wir endlich am Fuß des Huangshan. Ihr wisst, dass ich natürlich niemals auf die Idee gekommen wäre, die Seilbahn zu benutzen, um den Berg zu ersteigen. Glücklicherweise sah der Rest der Reisetruppe das genauso. Im Gegensatz zu den gefühlten 100.000 Chinesen, die an der Seilbahn anstanden, machten wir uns also an den Aufstieg. Es war mittlerweile 12:00 Uhr am Samstag.

Wie alle berühmten chinesischen Berge, ist auch der Huangshan bis zum Gipfel durch Treppenstufen erschlossen. Das ist für mich, als Mensch, der mittlerweile doch einige Gipfel erklimmt hat, eher skurril. Es hat aber den schönen Effekt, dass eigentlich jeder die Gipfel genießen kann. Wir hatten gut 1000 Höhenmeter vor uns. Zieht man davon 100 Höhenmeter für die (sehr selten vorkommenen) Schrägen ab und veranschlagt für jede Stufe 25 cm waren also 3600 Stufen zu bewältigen. Welch ein Spaß! Tatsächlich hatte ich eine tolle Zeit. Es ging hindurch durch Bambusgebiete, vorbei an der berühmten Huangshan Kiefer, durch herbstliche Bäume hinein in eine zerklüftete, verwitterte Berglandschaft, wie ich sie derart noch nie gesehen habe. Es gibt unzählige sehr felsige, sehr spitze Gipfel, zwischen denen tiefe Schluchten drohen. Weil die Huangshan-Kiefer auch auf blankem Fels wachsen kann, klammert sich an die Gipfel, so dass diese niemals einfach kahl wirken. Außerdem wabert in den Schluchten, über und unter den Gipfeln eine Mixtur von Nebel, Hochnebel und Wolken. Es ist wirklich eine phänomenale Landschaft. Bilder, um euch einen Eindruck zu geben, findet ihr hier: http://de.wikipedia.org/wiki/Huang_Shan.

Allerdings ist China eben auch China. Wirklich alleine waren wir selten. Alle paar hundert Meter finden sich kleine Geschäfte, die Andenken und Proviant verkaufen. Es laufen durchaus viele Menschen die Treppen (primär allerdings bergab) und für die vielen Menschen, die sich überschätzt haben, gibt es auch Maßnahmen. Träger bieten ihre Dienste an, die Person auf einer Art Sänfte die Treppen hinaufzutragen. Dank der Landschaft nahm ich das aber gerne in Kauf. Ab der Gipfelstation wurde es jedoch unheimlich. Plötzlich meinte man sich mitten in Shanghai zu befinden. Tausende Menschen drängten sich auf den Platformen und Wegen. Tourguides, bewaffnet mit übersteuerten Mikrophonen schrien ihre Reisegruppen über die Wege, es wurde gedrängelt wie in der der Metro in Shanghai. Außerdem war es lauter als am Autoscooter auf jeder deutschen Kirmes. Und eine der wichtigsten Sehenswürdigkeiten auf dem Berg für viele der Chinesen empfanden wir als doch sehr gewöhnlich und durchschnittlich: Uns selbst! Die Chinesen aus den entlegeneren Provinzen sehen nämlich nur sehr selten Westler. Daher waren wir plötzlich das Motiv vieler Photos. Es wurden Kinder vor uns gestellt und „richtige“ Familienaufnahmen mit uns gemacht. Die weniger Wagemutigen versuchten, heimlich Photos von uns zu machen. Plötzlich sahen wir, wie lächerlich derartige Bemühungen aussehen, obwohl wir natürlich selbst auch ständig versuchen, Menschen heimlich zu photographieren. Wir kämpften uns aber durch die Menschenmassen direkt auf den höchsten Gipfel des Huangshan, den Lotus-Gipfel. Es ist wirklich eine wunderschöne Landschaft, die sich dort vor den eigenen Füßen erstreckt.

Nach dem Gipfel schlugen wir uns über viele, viele, viele weitere Stufen zu unserem Hotel durch. Dort schliefen wir, nach Geschlechtern getrennt, in einem gemütlichen 10-Personen Zimmer, in dem Chinesen gerade Gammel-Tofu aßen. Das ist eine große Spezialität. Es ist ein Tofu, den man tatsächlich erst verderben lässt, um ihn dann in eine besonders aromatische Köstlichkeit zu verwandeln. Obwohl ich mittlerweile doch sehr schmerzlos bin, was jegliches Essen angeht: Gammel-Tofu ist schrecklich. Zwar habe ich ihn schon einmal gegessen, aber es ist wirklich wider die Natur des Menschen. Entsprechend begeisternd roch unser Zimmer. Nun gut, der ausgleichenden Gerechtigkeit wurde genüge getan. Immerhin hatten wir gerade den Gipfel erklommen und sieben Wanderer, die ihre Schuhe ausziehen sind natürlich auch wahrlich kein Genuss für die Nase.

Nach einer kurzen Nacht standen wir um 04:45 Uhr auf. Denn eine besondere Attraktion am Huangshan ist der Sonnenaufgang  über dem Gebirge. Dank der Wolken soll er unvergleichlich sein. Nun, mag sein. Allerdings ist er sehr nichtssagend, wenn die Wolken jegliches Sonnenlicht versperren. Das frühe Aufstehen hatte allerdings den Vorteil, dass wir vor unserer Rückfahrt nach Shanghai (der Bus fuhr um 17:00 Uhr) noch große Teile des Nationalparks erkunden konnten. Es boten sich vielfältige, wirklich atemberaubende Blicke in die Landschaft und ich werde euch noch mit sehr vielen Photos nerven. Da der größere Teil der Gruppe einen früheren Bus gewählt hatte, waren wir nun in einer Dreiergruppe unterwegs. Das war sehr gemütlich. Wir rasteten viel und versuchten, die überfüllten Plätze zu meiden. So war es eine wirklich schöne Wandertour.

Auch den Abstieg wollte ich natürlich ohne Seilbahn meistern. Wir wählten eine andere Route und kletterten über viele, viele, viele Stufen langsam ins Tal. Sehr beeindruckend sind dort die Lastenträger. Diese transportieren sämtliche Güter für den Gipfel und die dortigen Hotels auf ihrem Rücken. Die Ladungen sind jenseits der vierzig Kilogramm schwer. Die Waden der Träger sind dicker als meine Oberschenkel. Die Seilbahnen werden ausschießlich für den Personentransport benutzt. Sie für die Lasten zu verwenden, wäre zu teuer. Und eine Fahrt mit der Gondel kostet nur 10 Dollar! Die Träger schaffen an einem Tag nur eine einzige Tour! Der Wert der Arbeitskraft in China geht teilweise eben doch noch gegen Null.

Auf dem Abstieg lernten wir auch eine chinesische Gruppe kennen. Sie kamen aus der Region und daher waren wir für sie besondere Exoten. Natürlich sprachen sie kaum Englisch. Trotzdem wurden uns wesentliche Dinge erklärt: China ist stark. Deutschland ist auch stark. Japan ist schwach. Chinesen sind groß und stark (er war eher klein und dicklich), Deutsche sind groß und stark. Japaner sind klein und schwach. Chinesen sind schön. Deutsche sind schön. Japaner sind häßlich. Sehr bemerkenswert finde ich doch, dass wir Deutsche und Chinesen einander anscheinend mehr ähneln, als Japaner und Chinesen ;-).

Am der Talstation angekommen kauften wir dann ein Busticket, um in die Stadt, zwecks Abfahrt nach Shanghai zu kommen. Dann durften wir uns in eine Schlange für die Busse einreihen. Ca. 100 Chinesen standen vor uns, ca. 100 Chinesen hinter uns. Ein Bus war weit und breit nicht zu sehen. Dann kamen 6 Busse auf einmal. Es war also recht wahrscheinlich, dass jeder einen Platz erhalten würde. Das schienen aber nicht alle so zu sehen. Die Chinesen sprinteten los und stürmten auf die Damen an den Eingängen der Busse los. Sie schubsten sich beiseite und versuchten sich noch reinzudrängen. Sogar für China war das sehr beeindruckend. Die Damen an den Eingangstüren wurden quasi zerdrückt. Ich habe das so bislang nur bei Konzerten erlebt. Als ich an der Tür angekommen war, drängte mich ein ca. 75jähriger, der seine ebenso alte Frau dabei hatte, mit aller Gewalt zur Seite. Es war so abwegig, dass ich spontan lauthals lachen musste. Das wiederum fanden die Chinesen seltsam und starrten mich an. Humor hilft doch sehr, um China zu überleben. Im Bus waren zu diesem Zeitpunkt übrigens noch ca. 30 Plätze frei. Es mache also keinerlei Unterschied, ob das Paar vor oder hinter mir eingestiegen wäre.

Die Busfahrt zurück nach Shanghai war auch wiederum spaßig. Die freien Plätze werden nämlich anscheinend inoffiziell durch die Busfahrer gegen Barzahlung vergeben. Die jeweiligen Fahrgäste steigen dann auf offner Strecke, teilweise mitten auf der Autobahn, ein oder aus. Zugegebenermaßen kannte ich das Prinzip auch schon aus Südamerika, wo allerdings auch der Gang befüllt wird und die Leute noch meist schwer beladen waren, insoweit ist China wesentlich entwickelter. Aber bei einem dieser Fahrgäste schien die Reservierung nicht funktioniert zu haben. Das führte zu einer 15-minütigen extrem lauten Schreierei zwischen Fahrgast und Ersatzbusfahrer. Resultat: Der Primärbusfahrer, winkte kurz und stieg aus. An seiner Stelle nahm der Sekundärbusfahrer Platz. Der Fahrgast setzte sich auf den Ersatzplatz. Sogar die Chinesen um uns schauten ungläubig. Ich weiß nicht, ob es in Ordnung war, nur mit einem Busfahrer zu fahren. Jedenfalls kamen wir heil in Shanghai an. Nach einer dringend notwendigen heißen Dusche lag ich am Montag um 00:40 Uhr in meinem gemütlichen Bett und konnte auf ein phänomenales Wochenende zurückschauen.

15.10.12 10:38


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