Startseite
  Über...
  Archiv
  Gästebuch
  Kontakt
 

  Abonnieren
 


 
Letztes Feedback
   6.10.12 06:56
    2,    6.10.12 12:16
   
0,    6.10.12 14:59
   
1,    9.10.12 06:59
   
0,    10.10.12 10:03
   
0,    10.10.12 12:54
   
2,
http://myblog.de/schefzig

Gratis bloggen bei
myblog.de





 
Huangshan (Gelber Berg)

Diese Wochenende habe ich den Huang Shan, einen berühmtesten chinesischen Berge bestiegen. Er zeichnet sich durch eine sehr zerklüftete, spitze Berglandschaft aus. Auf den Gipfeln krallt sich die Huangshan-Kiefer fest. Es ist eine sehr eindrucksvolle Landschaft, die sich daher auch auf vielen Schattenschnitten in chinesischen Restaurants findet. Sie soll auch James Cameron zu der im Film „Avatar“ geschaffenen Phantasiewelt inspiriert haben.

Also stiegen wir Freitagabend um 21:24 in den Nachtzug nach Tunxi, der größeren Stadt in der Nähe des Berges. 12 Stunden Zugfahrt lagen vor uns. Das chinesische Zugsystem ist insgesamt sehr gut durchorganisiert und auch sehr pünktlich. Ähnlich wie bei Flügen in Deutschland wird man erst an das jeweilige Gate bestellt, an dem man dann auf die Abfahrtszeit des Zuges wartet. Dann wird der Zug aufgerufen und man begibt sich in den Zug. Es gibt vier Kategorien in den Nachtzügen: Soft-Sleeper, die höchste Kategorie, dort gibt es richtige Matrazen auf den Betten und abgeschlossene Kabinen für jeweils vier Betten. Hard-Sleeper, nur sehr dünne Beläge, Verschläge von jeweils 6 Betten, die zum Gang hin offen sind sowie soft- und hard-seats. Also Sitze mit oder ohne Polster.

Glücklicherweise hatte ich einen Platz im Hard-Sleeper Liegeabteil ergattert, um den herum sich 5 der Mitreisenden Deutschen gruppierten. Es sind jeweils drei Betten übereinander, demnach muss man klettern, um das eigene zu erreichen. Das Bett war bereits bezogen und ich derart müde, dass ich sehr schnell einschlief. Interessanterweise lag der gesamte Waggon um halb zehn schon ruhig in den Betten. Die Schaffner gehen nach der Abfahrt des Zuges herum und sammeln die Tickets aller Fahrgäste ein. Dafür erhält man dann einen Chip für den eigenen Platz. Am Ende der Fahrt erhält man sein Ticket zurück und muss den Chip abgeben. So kann der Schaffner sichergehen, dass tatsächlich alle Mitfahrer ein Ticket haben. Einer der Mitreisenden hatte auf dem Weg vom Einstieg zum Bett schon sein Ticket verlegt. Er konnte dem Schaffner also sein Ticket nicht zeigen. Das war im Prinzip ein Problem, dank eines weiteren Freundes, der chinesisch spricht und vor allem die chinesische Kultur schon ganz gut verstanden hat, aber kein großes. Schnell bot er dem Schaffner eines der Biere, die die Jungs als Wegzehrung mitführten an. Der Schaffner fing an zu strahlen, wählte seine Lieblingssorte aus und zog ohne Ticket, dafür mit Bier, weiter.

Nach einer, meiner Ansicht nach, sehr komfortablen Zugfahrt kamen wir am nächsten Morgen pünktlich um 09:00 Uhr in Tuxin. Dort stießen wie Raubvögel die Taxifahrer auf uns nieder, die uns zu der ca. 1,5 Stunden entfernten Stadt Tangkou fahren wollten. Nachdem ich aus Spaß ein wenig verhandelt hatte, stieg unsere 9-köpfige Truppe dann aber lieber in einen Kleinbus. Der Busfahrer erwies sich als chinesischer Sebastian Vettel, der auch für chinesische Verhältnisse interessante Fahrkünste bewies. Er wäre in Bolivien ganz gut aufgehoben gewiesen. Er hupte ununterbrochen. Gar derart viel, dass Simon vermutete, die Bremse sei vielleicht automatisch mit der Hupe verbunden. Dann überholte er konsequent an jeder möglichen und unmöglichen Stelle jegliches Gefährt. Es war das erste Mal, dass ich in einem Bus fuhr, der auf einer langen Strecke niemals selbst überholt wurde. Um die Fahrkünste noch beeindruckender (wobei der Eindruck durchaus negativ war) zu machen, rauchte und telefonierte er beim Fahren. Zwischendruch gleichzeitig. Trotzdem war die Strecke schön. Anhui, die Provinz, durch die wir fuhren, ist gebirgig und auf den Hängen gibt es sehr große Teeplantagen zwischen denen Bambuswälder im Wind rauschen.

In Tangkou angekommen hielt der Bus in einer kleinen Gasse und ein Chinese stieg ein und fragte, ob wir Rückfahrtickets nach Shanghai benötigten. Tatsächlich taten wir das und kamen zunächst ins Verhandeln. Glücklicherweise hatte ich im Internet aber schon vorher gelesen, dass in Tangkou ein wenig zuverlässiger Zeitgenosse namens Chen unterwegs ist, der dort regelmäßig wenig seriöse und vor allem wenig zuverlässige Handel mit Touristen (chinesischen wie ausländischen) abschließt. Also fragte ich ihn, ob er zufällig Chen sei. Strahlend – ob seiner Berühmtheit – nickte er. Wir wiederum lehnten genauso strahlend danach alle seine Angebote ab. Interessanterweise schien der Bus nur gehalten zu haben, um uns Tickets zu verkaufen. Denn dann fuhr er wieder los, zu 200m entfernten offiziellen Busstation, die wir zuvor bereits passiert hatten. Eine weitere Anekdote für das Kapitel „Kleine Betrügereien“.

An der offiziellen Busstation konnten wir dann Tickets für eine weitere Busfahrt zum Eingang des Nationalparks kaufen. Nach kurzem Frühstück, Kauf von Verpflegung, einer weiteren mörderischen Busfahrt und dem Kauf der Tickets für den Nationalpark standen wir endlich am Fuß des Huangshan. Ihr wisst, dass ich natürlich niemals auf die Idee gekommen wäre, die Seilbahn zu benutzen, um den Berg zu ersteigen. Glücklicherweise sah der Rest der Reisetruppe das genauso. Im Gegensatz zu den gefühlten 100.000 Chinesen, die an der Seilbahn anstanden, machten wir uns also an den Aufstieg. Es war mittlerweile 12:00 Uhr am Samstag.

Wie alle berühmten chinesischen Berge, ist auch der Huangshan bis zum Gipfel durch Treppenstufen erschlossen. Das ist für mich, als Mensch, der mittlerweile doch einige Gipfel erklimmt hat, eher skurril. Es hat aber den schönen Effekt, dass eigentlich jeder die Gipfel genießen kann. Wir hatten gut 1000 Höhenmeter vor uns. Zieht man davon 100 Höhenmeter für die (sehr selten vorkommenen) Schrägen ab und veranschlagt für jede Stufe 25 cm waren also 3600 Stufen zu bewältigen. Welch ein Spaß! Tatsächlich hatte ich eine tolle Zeit. Es ging hindurch durch Bambusgebiete, vorbei an der berühmten Huangshan Kiefer, durch herbstliche Bäume hinein in eine zerklüftete, verwitterte Berglandschaft, wie ich sie derart noch nie gesehen habe. Es gibt unzählige sehr felsige, sehr spitze Gipfel, zwischen denen tiefe Schluchten drohen. Weil die Huangshan-Kiefer auch auf blankem Fels wachsen kann, klammert sich an die Gipfel, so dass diese niemals einfach kahl wirken. Außerdem wabert in den Schluchten, über und unter den Gipfeln eine Mixtur von Nebel, Hochnebel und Wolken. Es ist wirklich eine phänomenale Landschaft. Bilder, um euch einen Eindruck zu geben, findet ihr hier: http://de.wikipedia.org/wiki/Huang_Shan.

Allerdings ist China eben auch China. Wirklich alleine waren wir selten. Alle paar hundert Meter finden sich kleine Geschäfte, die Andenken und Proviant verkaufen. Es laufen durchaus viele Menschen die Treppen (primär allerdings bergab) und für die vielen Menschen, die sich überschätzt haben, gibt es auch Maßnahmen. Träger bieten ihre Dienste an, die Person auf einer Art Sänfte die Treppen hinaufzutragen. Dank der Landschaft nahm ich das aber gerne in Kauf. Ab der Gipfelstation wurde es jedoch unheimlich. Plötzlich meinte man sich mitten in Shanghai zu befinden. Tausende Menschen drängten sich auf den Platformen und Wegen. Tourguides, bewaffnet mit übersteuerten Mikrophonen schrien ihre Reisegruppen über die Wege, es wurde gedrängelt wie in der der Metro in Shanghai. Außerdem war es lauter als am Autoscooter auf jeder deutschen Kirmes. Und eine der wichtigsten Sehenswürdigkeiten auf dem Berg für viele der Chinesen empfanden wir als doch sehr gewöhnlich und durchschnittlich: Uns selbst! Die Chinesen aus den entlegeneren Provinzen sehen nämlich nur sehr selten Westler. Daher waren wir plötzlich das Motiv vieler Photos. Es wurden Kinder vor uns gestellt und „richtige“ Familienaufnahmen mit uns gemacht. Die weniger Wagemutigen versuchten, heimlich Photos von uns zu machen. Plötzlich sahen wir, wie lächerlich derartige Bemühungen aussehen, obwohl wir natürlich selbst auch ständig versuchen, Menschen heimlich zu photographieren. Wir kämpften uns aber durch die Menschenmassen direkt auf den höchsten Gipfel des Huangshan, den Lotus-Gipfel. Es ist wirklich eine wunderschöne Landschaft, die sich dort vor den eigenen Füßen erstreckt.

Nach dem Gipfel schlugen wir uns über viele, viele, viele weitere Stufen zu unserem Hotel durch. Dort schliefen wir, nach Geschlechtern getrennt, in einem gemütlichen 10-Personen Zimmer, in dem Chinesen gerade Gammel-Tofu aßen. Das ist eine große Spezialität. Es ist ein Tofu, den man tatsächlich erst verderben lässt, um ihn dann in eine besonders aromatische Köstlichkeit zu verwandeln. Obwohl ich mittlerweile doch sehr schmerzlos bin, was jegliches Essen angeht: Gammel-Tofu ist schrecklich. Zwar habe ich ihn schon einmal gegessen, aber es ist wirklich wider die Natur des Menschen. Entsprechend begeisternd roch unser Zimmer. Nun gut, der ausgleichenden Gerechtigkeit wurde genüge getan. Immerhin hatten wir gerade den Gipfel erklommen und sieben Wanderer, die ihre Schuhe ausziehen sind natürlich auch wahrlich kein Genuss für die Nase.

Nach einer kurzen Nacht standen wir um 04:45 Uhr auf. Denn eine besondere Attraktion am Huangshan ist der Sonnenaufgang  über dem Gebirge. Dank der Wolken soll er unvergleichlich sein. Nun, mag sein. Allerdings ist er sehr nichtssagend, wenn die Wolken jegliches Sonnenlicht versperren. Das frühe Aufstehen hatte allerdings den Vorteil, dass wir vor unserer Rückfahrt nach Shanghai (der Bus fuhr um 17:00 Uhr) noch große Teile des Nationalparks erkunden konnten. Es boten sich vielfältige, wirklich atemberaubende Blicke in die Landschaft und ich werde euch noch mit sehr vielen Photos nerven. Da der größere Teil der Gruppe einen früheren Bus gewählt hatte, waren wir nun in einer Dreiergruppe unterwegs. Das war sehr gemütlich. Wir rasteten viel und versuchten, die überfüllten Plätze zu meiden. So war es eine wirklich schöne Wandertour.

Auch den Abstieg wollte ich natürlich ohne Seilbahn meistern. Wir wählten eine andere Route und kletterten über viele, viele, viele Stufen langsam ins Tal. Sehr beeindruckend sind dort die Lastenträger. Diese transportieren sämtliche Güter für den Gipfel und die dortigen Hotels auf ihrem Rücken. Die Ladungen sind jenseits der vierzig Kilogramm schwer. Die Waden der Träger sind dicker als meine Oberschenkel. Die Seilbahnen werden ausschießlich für den Personentransport benutzt. Sie für die Lasten zu verwenden, wäre zu teuer. Und eine Fahrt mit der Gondel kostet nur 10 Dollar! Die Träger schaffen an einem Tag nur eine einzige Tour! Der Wert der Arbeitskraft in China geht teilweise eben doch noch gegen Null.

Auf dem Abstieg lernten wir auch eine chinesische Gruppe kennen. Sie kamen aus der Region und daher waren wir für sie besondere Exoten. Natürlich sprachen sie kaum Englisch. Trotzdem wurden uns wesentliche Dinge erklärt: China ist stark. Deutschland ist auch stark. Japan ist schwach. Chinesen sind groß und stark (er war eher klein und dicklich), Deutsche sind groß und stark. Japaner sind klein und schwach. Chinesen sind schön. Deutsche sind schön. Japaner sind häßlich. Sehr bemerkenswert finde ich doch, dass wir Deutsche und Chinesen einander anscheinend mehr ähneln, als Japaner und Chinesen ;-).

Am der Talstation angekommen kauften wir dann ein Busticket, um in die Stadt, zwecks Abfahrt nach Shanghai zu kommen. Dann durften wir uns in eine Schlange für die Busse einreihen. Ca. 100 Chinesen standen vor uns, ca. 100 Chinesen hinter uns. Ein Bus war weit und breit nicht zu sehen. Dann kamen 6 Busse auf einmal. Es war also recht wahrscheinlich, dass jeder einen Platz erhalten würde. Das schienen aber nicht alle so zu sehen. Die Chinesen sprinteten los und stürmten auf die Damen an den Eingängen der Busse los. Sie schubsten sich beiseite und versuchten sich noch reinzudrängen. Sogar für China war das sehr beeindruckend. Die Damen an den Eingangstüren wurden quasi zerdrückt. Ich habe das so bislang nur bei Konzerten erlebt. Als ich an der Tür angekommen war, drängte mich ein ca. 75jähriger, der seine ebenso alte Frau dabei hatte, mit aller Gewalt zur Seite. Es war so abwegig, dass ich spontan lauthals lachen musste. Das wiederum fanden die Chinesen seltsam und starrten mich an. Humor hilft doch sehr, um China zu überleben. Im Bus waren zu diesem Zeitpunkt übrigens noch ca. 30 Plätze frei. Es mache also keinerlei Unterschied, ob das Paar vor oder hinter mir eingestiegen wäre.

Die Busfahrt zurück nach Shanghai war auch wiederum spaßig. Die freien Plätze werden nämlich anscheinend inoffiziell durch die Busfahrer gegen Barzahlung vergeben. Die jeweiligen Fahrgäste steigen dann auf offner Strecke, teilweise mitten auf der Autobahn, ein oder aus. Zugegebenermaßen kannte ich das Prinzip auch schon aus Südamerika, wo allerdings auch der Gang befüllt wird und die Leute noch meist schwer beladen waren, insoweit ist China wesentlich entwickelter. Aber bei einem dieser Fahrgäste schien die Reservierung nicht funktioniert zu haben. Das führte zu einer 15-minütigen extrem lauten Schreierei zwischen Fahrgast und Ersatzbusfahrer. Resultat: Der Primärbusfahrer, winkte kurz und stieg aus. An seiner Stelle nahm der Sekundärbusfahrer Platz. Der Fahrgast setzte sich auf den Ersatzplatz. Sogar die Chinesen um uns schauten ungläubig. Ich weiß nicht, ob es in Ordnung war, nur mit einem Busfahrer zu fahren. Jedenfalls kamen wir heil in Shanghai an. Nach einer dringend notwendigen heißen Dusche lag ich am Montag um 00:40 Uhr in meinem gemütlichen Bett und konnte auf ein phänomenales Wochenende zurückschauen.

15.10.12 10:38
 
Letzte Einträge: Heiratsmarkt, Heimatliche Bräuche, Besuch, Suzhou, Flughafenfahrt, Old Town



Verantwortlich für die Inhalte ist der Autor. Dein kostenloses Blog bei myblog.de! Datenschutzerklärung
Werbung